Video-Codecs erklärt: H.264, H.265, VP9 und AV1
Wenn Sie sich je gefragt haben, warum ein Video überall läuft und ein anderes sich weigert zu öffnen, liegt die Antwort meist beim Codec.
Codec und Container sind nicht dasselbe
Zuerst eine Unterscheidung, die endlose Verwirrung stiftet. Der Container ist das Dateiformat: MP4, MOV, WebM, MKV. Er ist eine Hülle, die Video, Audio, Untertitel und Metadaten zusammenhält. Der Codec ist das Kompressionsverfahren des Videos darin.
„MP4” sagt also fast nichts darüber aus, wie das Video komprimiert ist. Ein MP4 enthält meist H.264, kann aber auch H.265 oder AV1 enthalten. Zwei Dateien mit derselben Endung können sich völlig unterschiedlich verhalten. Deshalb hat ein Video manchmal Ton, aber kein Bild: Das Gerät versteht Container und Audio-Codec, aber nicht den Video-Codec.
H.264 (AVC)
2003 standardisiert und bis heute der De-facto-Standard.
Sein Vorteil ist nicht technisch, sondern die universelle Unterstützung. Praktisch jedes Telefon, jeder Browser, jeder Fernseher, jedes Schnittprogramm und jede soziale Plattform der letzten fünfzehn Jahre dekodiert H.264. Die Dekoder stecken in nahezu jedem Chip in Hardware, was die Wiedergabe schnell und akkuschonend macht.
Sein Nachteil ist die Effizienz. Neuere Codecs erreichen dieselbe Bildqualität in deutlich kleineren Dateien.
Nutzen Sie ihn, wenn Kompatibilität wichtiger ist als Dateigröße — also meistens. Im Zweifel: dieser hier.
H.265 (HEVC)
Der direkte Nachfolger von H.264, mit rund 25 bis 50 Prozent kleineren Dateien bei vergleichbarer Qualität.
Das Problem ist die Lizenzierung: H.265 trägt Lizenzgebühren mehrerer Rechteinhaber, was die Verbreitung erschwert hat. Apple unterstützt ihn durchgängig, iPhones nehmen standardmäßig darin auf. Die Browser-Unterstützung ist uneinheitlich, und manche Schnittsoftware verlangt eine kostenpflichtige Erweiterung.
Deshalb lässt sich iPhone-Material manchmal auf einem Windows-Rechner oder in einem Web-Werkzeug nicht öffnen. Die Datei ist in Ordnung; es fehlt der Dekoder.
Nutzen Sie ihn, wenn Sie im Apple-Ökosystem bleiben oder Material archivieren, bei dem Größe zählt und Sie die Wiedergabe kontrollieren.
VP9
Googles lizenzgebührenfreie Antwort, entwickelt für YouTube. Die Effizienz ist mit H.265 vergleichbar.
Weil die Implementierung frei ist, ist die Browser-Unterstützung ausgezeichnet und unter Android gut. Außerhalb des Webs ist er schwächer: Hardware-Dekodierung ist weniger verbreitet, und die Unterstützung in klassischer Schnittsoftware bleibt lückenhaft.
Nutzen Sie ihn, wenn das Ziel das Web ist, typischerweise in einem WebM-Container.
AV1
Die aktuelle Generation, entwickelt von einem Konsortium mit Google, Netflix, Amazon, Mozilla und Apple. Lizenzgebührenfrei und rund 30 Prozent effizienter als VP9 oder H.265.
Der Haken sind die Kodierkosten. AV1 ist rechenintensiv, oft deutlich langsamer als H.264. Hardware-Kodierung kam erst mit jüngeren GPU-Generationen. Die Dekodierung ist in Browsern und neueren Geräten inzwischen verbreitet, ältere Hardware fällt jedoch auf langsame Software-Dekodierung zurück.
Nutzen Sie ihn, wenn Sie in großem Maßstab ausliefern, wo sich der Kodieraufwand auf viele Zuschauer verteilt.
In der Praxis wählen
Fragen Sie sich, wohin die Datei geht.
An jemanden schicken oder irgendwo hochladen: H.264 in einem MP4. Das funktioniert. Plattformen kodieren Uploads ohnehin neu, ein exotischer Codec bringt also wenig.
Eigenes Material archivieren: H.265 oder AV1, sofern Ihre Wiedergabegeräte sie beherrschen, wegen der Speicherersparnis.
Auf der eigenen Website einbinden: VP9 oder AV1 in WebM, mit einem H.264-MP4 als Rückfalloption.
Schneiden: was Ihre Software am schnellsten verarbeitet, meist H.264. Wandeln Sie exotisches Ausgangsmaterial vor Beginn um, statt durchgehend damit zu kämpfen.